Viscokupplung/Instandsetzung

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Das Thema Viscokupplung wird schon seit Beginn ihrer Einführung von Mythos, Wissen und Unwissen begleitet und führt teilweise zu heftigen Kontroversen. Fakt ist wohl, dass sich seit sicher 10 Jahren diverse Mitglieder der Syncro-Community mit der Neubefüllung und Instandsetzung beschäftigen, unzähloge Versuche und Recherchen gemacht haben und dabei definitiv auf die ein oder andere Art brauchbare Ergebnisse herausgekommen sind. Es scheint, als kämen mit jedem Jahr nach Produktionsende neue Erkenntnisse ans Tageslicht, Material und Spezifikationen werden einfacher zugänglich und die Geheimniskrämerei schwindet. Was bis zum heutigen Tage jedoch unbestritten scheint: Will man eine absolut originalgetreue Viscokupplung herstellen und dabei mehr als ein paar Zufallstreffer landen, kommt man um einen ordentlichen Prüfstand nicht herum.

Andererseits befinden wir uns mittlerweile auch in der glücklichen Lage, dass das Thema Zuschaltallrad völlig normal ist, dass ein Zuschaltallrad bezahlbar aus vielen Quellen sogar weltweit lieferbar und gern verbaut ist. Dies eröffnet Möglichkeiten für Kompromisse und extremere Umbauten mit starren Ersatzmuffen statt Viscokupplung.

Es gibt im Prinzip nur 2 Möglichkeiten, welche eine Instandsetzung nötig machen können: Entweder verhärtet die Kupplung bis zur Unfahrbarkeit, was in starken Verspannungen und höherem Verschleiß im gesamten Antriebsstrang resultiert. Hier kann der Einbau eines Zuschaltallrad sicherlich Abhilfe schaffen, sofern man sich mit der Änderung des eigenen Nutzungsverhaltens anfreunden kann. Der zweite Grund ist das Auslaufen. Die Dichtungen gehen kaputt oder werden durch starken Druckanstieg verdreht, sodass sich das Viscoöl ins vordere Differentialgehäuse entleert.

Beschädigte X-Ringe (links, mitte) und zum Vergleich ein neuer X-Ring (rechts)

Die nachfolgenden Videos und Texte beschäftigen sich mit der Neubefüllung auf Basis vielfertiger Versuche und hunderttausenden von Testkilometern. Das Ergebnis ist zumeist für ZA-Fahrer interessant, kann aber mit etwas Experimentierfreude durchaus auch auf Normalbetrieb ohne ZA optimiert werden.


Vorgehensweise

Videoanleitung

Vom Zerlegen über das Material bis zur Neufüllung - eine geführte Tour von und mit Tommy :)

Teil 1 - Das Zerlegen und Säubern
Teil 2 - Die benötigten Utensilien
Teil 3 - Das Zusammensetzen (1)
Teil 4 - Das Zusammensetzen (2)
Teil 5 - Das Zusammensetzen (3)
Teil 6 - Das Zusammensetzen (4)

Zu den Videos gibt es auch einen Diskussionsfaden im IG16 Forum.

Visco-Workshop Mammutpark 2011

Vorbereitung

Verbaut wurden Dichtungen von SKF, je 2 X-Ringe (40,2x5,33 Viton) und ein O-Ring (124x2,5 Viton), was zusammen ca. 22 EUR pro Viscokupplung ausmacht. Das Öl wurde letztlich von Wunsch-Öle bezogen und hat eine Viscosität von 100000. Hierbei handelt es sich beispielsweise um Wacker AK100000 oder auch Molyduval Silo D 100T - beides letztendlich das Gleiche: Technisches Silikonöl, transparent. Die Datenblätter dazu kann man zum Beispiel bei Wacker herunterladen.

Wacker AK100000
Molyduval Silo D 100T

Die Viscokupplungen müssen geleert und gesäubert werden, was eine relativ ekelige und langwierige Arbeit ist. Für die angepeilten 8 Viscokupplungen des Workshops hat dies freundlicherweise TM-Trans schon im Vorfeld übernommen, sodass wir uns diese Sauerei auf der Wiese sparen konnten. Die gesamte Panscherei fand unter professioneller Leitung von Häuptling Uwe statt, welche schon einige Hände voll Viscos erfolgreich befüllt und insgesamt sicherlich einige Millionen erfolgreicher Viscokilometer vorweisen kann.

Zunächst wird das komplette Scheibenpaket entnommen und sichergestellt, dass oben und unten nicht verwechselt wird. Auf der Oberseite wird der Sprengring abgenommen und die Achse von den Scheiben getrennt. Der untere X-Ring wird mit etwas Silikonöl eingestrichen und unten in das Gehäuse eingesetzt. Hierbei sollte dringend darauf geachtet werden, dass er sich nicht verdreht. Die ebenfalls etwas eingeölte Achse kann nun in das Gehäuse eingesetzt werden.

Das komplette Scheibenpaket
Der X-Ring ist schon eingesetzt, die Achse wird gefettet.
Achse wieder eingesetzt, die untere Scheibe schadet auch nicht.

Befüllen 1

Das Gehäuse wird nun auf eine Waage gestellt, und diese auf Null zurückgesetzt. Jetzt wird das 100000er Öl eingefüllt, bis die 280g-Marke erreicht ist. Bei der hohen Viskosität erfordert dies schon einiges an Übung und erfordert teilweise den beherzten Eingriff mit dem Finger inkl. einiger gekonnter Drehungen, um überschüssiges Öl zurück in den Behälter zu befördern. Eine Rolle Papier wird bei der ganzen Aktion schnell hilfreich, weil man sich sonst bis unter die Ohren einsaut.

Befüllen auf der Waage - bis 280g.
Die letzten Gramm erfordern meist Fingerspitzengefühl...

Danach werden die Scheiben eingesetzt. Hierbei wieder von der richtigen Seite des Stapels anfangen und die Reihenfolge penibelst beachten. Im Prinzip sollte die Stanzrichtung der Scheiben beachtet werden, d.h. die scharfkantigere Seite sollte immer in die gleiche Richtung zeigen. Eigentlich müßte man auf der richtigen Seite sein, wenn man beim Säubern der Visco die originale Richtung der Scheiben nicht aus Versehen verdreht hat. Es werden nicht alle Scheiben passen - zwischen 6 und 10 bleiben übrig und werden zusammen mit den restlichen Teilen beiseite gelegt. Die Kupplung wird jetzt für einige Stunden in Ruhe gelassen, damit die Scheiben langsam durchsacken können und so den Einsatz der restlichen Scheiben ermöglichen.

Einsetzen der ersten Scheiben.
Jeder durfte mal...
Alle passen nicht, schön ordentlich beiseite legen!
Die Visco muss jetzt ruhen :)

Befüllen 2

Nach einigen Stunden ist wieder genug Platz um endlich die restlichen Scheiben einzusetzen. In manchen Kupplungen befinden sich auch noch ein oder mehrere Ausgleichsscheiben, diese müssen auf jeden Fall wieder eingesetzt werden, bevor der obere Sprengring das Paket wieder verschließt.

Nach 2h zeichnet sich bereits etwas Öl an der Oberfläche ab, aber alle Scheiben passen hier noch lange nicht rein... Warten!
Das Fachpublikum begutachtet das Absacken der Scheiben...
Alles wieder drin - oberen Sprengring aufsetzen.

Der Deckel bekommt ebenfalls einen mit Silikonöl eingestrichenen X-Ring sowie außen herum den großen O-Ring verpaßt. Eine der beiden Öffnungen im Deckel sollte jetzt mit einem Inbuschlüssel geöffnet werden, weil sonst der Deckel nicht geschlossen werden kann. Für das Einsetzen des Deckels braucht man etwas Kraft, oder eine passende Person als Presse - hier erwies sich Soenke als perfekt. Eventuell läßt sich hier ein Miet-den-Soenke-Service einrichten, was aber noch nicht genauer organisiert ist.

Nachdem der Deckel mit dem äußeren Sprengring wieder gesichert wurde, können die Einfüllschrauben - möglicherweise unter Verwendung von neuen Kupferringen - endgültig wieder verschlossen werden.

Fertig. Im Prinzip einbaufertig, aber ein rudimentärer Test ist angebracht...

Test

Uwe hat mittlerweile mehr oder minder empirisch unter Verwendung eines alten Drehmomentschlüssels und eines blockierten Vorderachsgetriebes einen relativ einfachen Test entwickelt, welcher sogar direkt am Fahrzeug funktioniert: Der Drehmomentschlüssel wird verwendet um mit definierter Kraft die Visco um 90° zu verdrehen. Dabei wird die Zeit gemessen, die dieser Vorgang benötigt. Der Test ist relativ grob, aber als Richtwerte kann man sich folgende Werte merken: 30s für 90° bei 100Nm (10kg und 1m hebel...) entsprechen einer normal harten Visco, welche ohne ZA fahrbar ist. Bei 1min ist man ohne ZA nicht mehr gut bedient, alles drüber wird schon ziemlich hart.

Blockiertes Getriebe mit eingesetzter Testvisco, Drehmomentschlüssel angesetzt direkt auf dem freien Antriebswellenflansch. Am Fahrzeug könnte direkt auf der äußeren, zentralen Antriebswellenmutter angesetzt werden, wenn nur ein einziges Vorderrad aufgebockt wird.
90° Drehung bei gleichbleibender Kraft und Zeitmessung.
Mit viel Erfahrung läßt sich die Härte der zu testenden Viscokupplung auch am Gesicht der Testperson ablesen.

Die Zeiten der 8 getesteten Viscos lagen zwischen 56 und 90 Sekunden, im Schnitt bei ca. 75s - also allesamt relativ hart und wie angepeilt nur für ZA-Fahrer geeignet. Interessant ist trotzdem: Das waren 8 identisch befüllte Viscos und es gibt Abweichungen in den Zeiten von fast 40%! Das sind NICHT 40% Abweichung in der Härte, aber man sieht sehr deutlich, dass es doch einen Anteil Voodoo gibt. Ohne Prüfstand ist also für nicht-ZA-Fahrer entweder viel Experimentieren angesagt - oder lieber direkt eine Investition in einen ZA :)

Zusammenfassung

Dieser Artikel soll kurz darstellen, was die Instandsetzung einer Viscokupplung beeinhaltet. Gleichzeitig soll aber auch klar sein, dass das Befüllen durchaus unterschiedliche und schwer bis gar nicht vorhersagbare Ergebnisse bringt. Der o.g. Test hat Abweichungen bis zu 30% ergeben. Für Experimentierfreudige und/oder ZA-Fahrer ist diese Methode sicherlich interessant, zumal man auf diese Weise für weniger als 50 EUR Materialkosten zu einer funktionierenden Visco kommen kann. Ohne Zuschaltallrad muss mit ausschweifenden Experimenten gerechnet werden. Für technisch nicht so versierte Anwender sei dringend eine Visco mit Prüfprotokoll empfohlen, da kostspielige Teile des Antriebsstranges wesentlich von der Funktion der Viscokupplung abhängen können.

Insgesamt gilt Uwe ein besonderer Dank für die Zeit und seine aufopfernde Betreuung während dieses Workshops. Weiterhin geht ein Dank an Claus von Wunsch-Öle, welcher die preiswerte Beschaffung des wichtigsten Bestandteils möglich machte. TM-Trans bekommt nachträglich für seine umfangreiche Vorbereitungsaktion von 8 Viscos den golden Orden der Viscowäscher verliehen. Vielen Dank auch an alle Helfer, Zuschauer und Interessierte - viel Spaß bei eigenen Versuchen. Der Viscoworkshop im Mammutpark ist zusammen mit den Videofilmen von Tommy sicher eine gute Einführung in die gesamte Thematik.